Das Waisenhaus

Wenn wir an Reisen denken, dann verbinden wir damit fast ausschliesslich positive Gedanken. Reisen eröffnet neue Horizonte, neue Sichtweisen auf die Welt. Und diese sind meistens positiv. Kaum ein Reisender wird gegenteiliges berichten. Aber es gibt sie. Diese Momente, in denen man sich wünscht zuhause zu sein. In seinem gewohnten Umfeld, seiner Komfortzone.

Einer dieser Momente war für mich der Besuch in einem Waisenhaus in Indien. Durch Zufall lernte ich einen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation kennen, der mich bat Bilder für eine Spendenaktion zu schiessen. Nur ein Mensch mit einem Herz aus Stein könnte hier nein sagen. Also gings ein paar Tage darauf los.

Nach den Zeilen oben könnte man jetzt auf regelrechte Horror Szenarien schliessen. Verwarloste, hungernde Kinder, verschmutzte Toiletten oder dergleichen. Fehlanzeige. Die Mitarbeiter des Waisenhaus leisten hervorragende Arbeit. Alles sauber, die Kinder genährt und vital. Woran es mangelt ist Geld. Geld für die Ausbildung der Kinder. Damit sie nicht auf der Strasse landen wenn sie volljährig sind. Einen Computerraum braucht es, oder einfach nur Schulbücher. Dinge die in der westlichen Welt selbstverständlich sind.

Aber nun kommen wir zum entscheidenden Punkt. Zu dem Punkt, der meine Grundmauern erschüttern liess. Ich habe mich vor meiner Ankunft auf das Schlimmste eingestellt. Jeder der diese Zeilen liest wird seine Bilder dazu im Kopf haben. Ich wurde eigentlich sehr positiv überrascht. Den Kindern ging es den Umständen entsprechend (sie sind Waisen) gut. Man hatte den Eindruck sie wären glücklich, zumindestens viele Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was mich erschüttert hat, war der Gedanke an meine Kindheit. Ich hatte Eltern die sich um mich gekümmert haben. Hatte ein warmes Zuhause, ein Fahrrad und Spielsachen. Ich hatte auch all diese Dinge die mir weniger wichtig waren, wie Schulbücher. Ich musste auch nicht zu fuss in die Schule gehen, es gab einen Schulbus. Heutige Kinder haben noch mehr. Kaum ein Kind mit mehr als 10 Jahren das kein Smartphone besitzt, oder gar einen eigenen Fernseher. Trotzdem steigt die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen stetig an. Depressionen, Angstgefühle und Unruhe, im Kindesalter. In Ländern wo Milch und Honig fliesst, findet man Unzufriedenheit.

 

 

 

 

 

 

 

In diesem Waisenhaus schlafen bis zu 20 Kinder in einem Raum, auf Matratzen am Boden. Sie müssen sich bis zu 30 Minuten anstellen um ihr Essen (vegetarisch) zu bekommen, um es am Boden zu verzehren. Spielsachen gibt es kaum. Schon gar nicht für den einzelnen. Es gibt ein paar Bälle für Fussball, und Kricketschläger für Kinder mit Bällen dazu. Wenn man sich die Bilder ansieht, wird man aber kaum Unzufriedenheit erkennen. Das mag aber auch daran liegen dass das Fotoshooting für die Kinder natürlich DIE Unterhaltung des Tages war. Sie haben sich voll in Szene gesetzt.

Ein Junge hat mein Herz im Sturm erobert. Sein Name, Krishna, das Kind das salutiert, der Plastiksack soll seine Uniform darstellen. Ich habe eine Mitarbeiterin im Waisenhaus nach seiner Geschichte befragt. Sie war sich nicht ganz sicher was die Details angeht, aber seine Geschichte dürfte sich in etwa so abgespielt haben. Seine Mutter starb kurz nach der Geburt. Sein Vater war Soldat, im Einsatz getötet. (Hier war sich die Mitarbeiterin nicht ganz sicher, aber sie meinte er wurde wärend der Terroranschläge in Mumbai getötet) Darauf lebte der Junge eine Weile bei seiner Grossmutter, bis auch diese starb. Schlussendlich landete er im besagten Waisenhaus. Sein grösster Wunsch, wie sein Vater Soldat zu werden, und seinem Land zu dienen. WOW.

Was mich dabei erschüttert hat? Wie kann ein Kind, das solche Erfahrungen gemacht hat, so ein Lächeln im Gesicht tragen. Und warum können es Kinder die so ziemlich ALLES haben, es nicht, oder nur selten?

Wie kann ein Kind, das vom Leben so wenig bekommen hat den Wunsch verspüren seinem Land zu dienen, also zu geben?

Was ich aus dem Besuch dort mitgenommen habe?

„Wenn man nicht genug zum Überleben hat, kann das zu Unzufriedenheit und Unglück führen. Wenn man aber mehr als genug hat, führt das nicht zwangsläufig zu Glück und Zufriedenheit.“

Was mich wirklich erschüttert hat? Wie oft ich selbst diese Erkenntnis im Alltag vergesse.